Tag 2 der 4. Berliner Pflegekonferenz setzt nationale und regionale Schwerpunkte

Berlin, 10.11.2017 Die Stuhlreihen in den fünf Fachforen füllten sich schnell. Darin ging es etwa um die Auswirkungen der gesetzlichen Änderungen auf die Pflege – denn die Pflegestärkungsgesetze werden auch die Versorgungsstruktur deutlich verändern. Martin Melcer, Bereichsleiter Koordination und Kommunikation vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e. V. (MDS), gab einen Überblick über die ersten verfügbaren Zahlen und Fakten bei der Auftrags- und Begutachtungsentwicklung nach dem Pflegestärkungsgesetz II. Demnach ist von Januar bis Oktober 2017 die Zahl der Aufträge zur Feststellung von Pflegebedürftigkeit im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 14,8 Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum kamen 220.000 neue Leistungsempfänger hinzu. Wurden 2016 noch durchschnittlich 20 Prozent der Antragsteller als nicht pflegebedürftig eingestuft, liegt der Anteil aktuell bei rund 12 Prozent. Melcer sieht diese Entwicklungen als Indiz dafür, dass der Zugang zur Pflege niedrigschwelliger wird. Gerhard Schuhmacher, Vorsitzender der Caritas Sozialstation St. Johannes e.V. Erlenbach, spricht von einem Paradigmenwechsel durch die Neubemessung der Pflegegrade, bei dem es Gewinner und Verlierer gibt: „Verlierer sind durch die Standardisierung zwischen Pflegegrad 2 und 5 die stationären Einrichtungen, weil damit im Prinzip alle gleichmäßig teuer geworden sind. Die Gewinner sind die ambulanten Versorgungsmöglichkeiten, die ihre Angebote je nach Bedarf kombinieren können.“

 

Wie kann gute Pflege trotz Fachkräftemangel gelingen? Um diese Frage ging es in einem weiteren Fachforum, in dem zukunftsweisende Lösungsansätze zur Fachkräftegewinnung aus Praxis und Lehre vorgestellt wurden. Hierzu gehört auch der 1. Modellversuch einer neuen Ausbildung zur staatlich geprüften Pflegehilfe, die sich an Menschen ohne Schulabschluss und mit geringen Deutschkenntnissen richtet. Anja Lull, Fachkoordinatorin Pflegeberufe am Oberstufenzentrum I in Berlin, referierte über diese diversitätsspezifische Ausbildung für Menschen mit Migrationshintergrund und hält fest: „Eine staatliche Pflegehilfeausbildung, wie sie jetzt in Berlin konzipiert worden ist, bietet die Möglichkeit der Durchlässigkeit. Wir können die Potenziale von interessierten Menschen ohne (in Deutschland anerkannten) Schulabschluss mit geeigneten Pflegebildungskonzepten heben und somit Pflegekräfte für die Zukunft generieren.“ Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen steige kontinuierlich. Ein weiteres innovatives Konzept stellte Prof. Dr. Claudia Schacke von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin vor: den 2015 initiierten berufsbegleitenden Bachelor-Studiengang „Soziale Gerontologie“. Das Studienangebot richtet sich explizit an Fachkräfte aus dem Bereich der (Alten-)Pflege sowie an weitere, im Feld der Altenhilfe qualifizierte und berufserfahrene Personen und bietet somit ein neues Angebot der Qualifizierung auf Hochschulniveau.

 

Auch die anderen drei Fachforen gaben spannende Impulse – etwa die Vorstellung vom Innovationsfonds geförderter „Leuchtturmprojekte“ in der Pflege wie „NetzWerk GesundAktiv“, „SaarPHIR“ und „interprof ACT“. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund widmete ein Forum der Frage nach altersgerechten Lebensräumen und Pflegestrukturen in der Kommune und zeigte die regional sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen für Senioren oder pflegebedürftige Menschen anhand von Best-Practice-Beispielen auf. In diesem Jahr gab es zum ersten Mal bei der Berliner Pflegekonferenz ein Partnerbundesland: Den Auftakt machte Mecklenburg-Vorpommern, das auch ein eigenes Forum bekam. Das Flächenland steht mit seiner alternden Bevölkerungsstruktur und zugleich sinkender Einwohnerzahl vor großen Herausforderungen. Daher wurden hier innovative Modelle zur telemedizinischen Versorgung und künftigen Arbeitsteilung zwischen Medizin und Pflege, aber auch Projekte zum Mehrgenerationenwohnen und zur lebendigen Dorfgemeinschaft vorgestellt und diskutiert.

 

Um Möglichkeiten zur Stärkung der Pflege ging es auch im anschließenden Plenum, das von Stefanie Drese, Mecklenburg-Vorpommerns Ministerin für Soziales, Integration und Gleichstellung, eröffnet wurde. „Die meisten Menschen wollen ihren Lebensabend solange wie möglich zu Hause verbringen. Diesen Wunsch möchten wir in Mecklenburg-Vorpommern noch stärker als bisher berücksichtigen. Dafür benötigen wir einen intelligenten Mix aus professioneller, familiärer und ehrenamtlicher Pflege für Pflegebedürftige und ihren Angehörigen. Deshalb wollen wir, begleitet von integrierten Pflegesozialplanungen in allen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns, diese Netzwerke sinnvoll weiterentwickeln und etablieren.“

 

Im Anschluss weitete Franz Knieps, Vorstand BKK Dachverband e.V., den Blick auf Bundesebene. Er lieferte Fakten zur Gesundheit im Pflegeberuf und verwies dabei auf den jährlichen Gesundheitsbericht der BKK, der gezeigt hat, dass einheitliche Gesundheitsbedingungen nicht vorhanden sind. Es gebe noch immer ein Süd/Nord- und ein West/Ost-Gefälle. Die Ergebnisse der Sonderauswertung „Blickpunkt Gesundheitswesen“ seien erschreckend: Beschäftigte in diesem Bereich sind doppelt so oft bzw. doppelt so lange arbeitsunfähig erkrankt wie der Durchschnitt aller Arbeitnehmer. Bei einer Umfrage unter 3000 Beschäftigten im Gesundheitswesen gab jeder Zweite an, dass er befürchtet, in zwei Jahren aufgrund der hohen psychischen und physischen Belastungen nicht mehr in seinem Beruf tätig sein zu können. All dies sollte Arbeitgeber dazu motivieren, Maßnahmen für die betriebliche Gesundheitsförderung der Pflegenden zu ergreifen, fordert Knieps. Sein Fazit: „Wir haben kein Normendefizit, sondern ein Vollzugsdefizit – wir führen eine teilweise oberflächliche Scheindiskussion über Arbeitsverhältnisse.“ Bei Themen wie autonomem Arbeiten oder der Individualisierung von Organisations- und Zeitplänen lasse sich viel gestalten und verändern. Knieps‘ Botschaft: „Trauen Sie sich was!“

 

Unterhaltsam ging es mit der letzten Key Note des Tages weiter: Der Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Prof. Richard David Precht sprach über die Digitalisierung in der Pflege als „zweischneidiges Schwert“. Zwar können Roboter in der Pflege Arbeiten erleichtern – die Frage ist jedoch, wo dabei die ethische Grenze ihres Einsatzes liegt. Seine Ausführungen über die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft und über Grenzverschiebungen endeten mit viel Applaus – und großem Andrang bei seiner Autogrammstunde am Ende der 4. Berliner Pflegekonferenz.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.berliner-pflegekonferenz.de.

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